Der Schock saß bei Helmut Schmidt tief. Plötzlich verkantete sich bei Dachstuhlarbeiten seine laufende Kreissäge, schlug zurück und trennte dem Katernberger mit einem Schnitt den Daumen der rechten Hand nahezu vollständig ab. Der Daumen hing lediglich noch an einer so genannten „Weichteilbrücke“ wie es die erfahrenen Hand- und Fußchirurgen Dr. Christoph Eicker und Dr. Peter Kaivers aus dem Philippusstift formulieren. Den Leitenden Ärzten der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie, Hand- und Fußchirurgie gelang dann etwas, was auch in der heutigen Zeit Seltenheitswert besitzt: sie replantierten den Daumen in einer mehrstündigen Operation, so dass Helmut Schmidt seine Hand in Zukunft wieder nahezu uneingeschränkt gebrauchen kann. Der 47-jährige Krankenkassenangestellte ist überglücklich: „Wie schnell hätte ich meinen Daumen verlieren können! Gerade als Rechtshänder wäre ich dann erheblich eingeschränkt gewesen!“
Doch nicht nur Glück, auch das Können der beiden Chirurgen hat maßgeblich zum Erhalt des Daumens beigetragen. Dr. Christoph Eicker: „Wir mussten – nachdem wie den Knochen ausgerichtet und stabilisiert hatten – sämtliche Arterien, Venen, Nerven und Sehnen wieder annähen. Gefäße und Nerven sind so fein, dass man sie nur unter einem hochauflösenden Mikroskop bei 18 bis 20-facher Vergrößerung mit feinsten Nadeln und einem Faden, dünn wie Frauenhaar, wieder anschließen kann.“ Nicht jedes Haus verfüge über die notwendige Ausstattung. So könne man sich glücklich schätzen, dass im vergangenen Jahr die Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie, Hand- und Fußchirurgie im Rahmen ihrer Neueinrichtung am Philippusstift mit modernsten Instrumenten ausgestattet wurde, so auch mit dem genannten Mikroskop, das alleine 160.000 EUR gekostet hat.
Glück, chirurgisches Geschick und eine gute apparative Ausstattung sind die Bedingungen für eine erfolgreiche Replantation. Aber es kommt auch darauf an, dass sich der Unfallverletzte richtig verhält und die Abläufe in der Notversorgung perfekt funktionieren. Im Falle von Helmut Schmidt war es sein Sohn, der augenblicklich den Notarztwagen herbeirief. Der Notarzt wickelte den am „seidenen Faden“ hängenden Daumen in eine sterile Kompresse und kühlte ihn von außen. Dr. Peter Kaivers: „Oft begehen Verletzte oder Angehörige den Fehler und kühlen abgetrennte Gliedmaßen in kaltem Eiswasser. Das sollte in jedem Fall vermieden werden, denn die Zellen werden auf diese Weise stark geschädigt. Es besteht dann eine viel geringere Chance, dass sich die Zellen regenerieren und der abgetrennte Körperteil wieder anwächst.“ Besser ist es, das Körperglied in Verbandskompressen zu wickeln, wasserdicht zu verpacken und dann erst in einem Beutel mit Eiswürfeln zu kühlen.
Helmut Schmidt ist dagegen „über den Berg“. Sein Daumen ist gut angewachsen. Nur noch ein kleiner Eingriff, in dem eine künstliche Versteifung, die zur Ruhigstellung des Daumens vorgenommen wurde, wieder rückgängig gemacht wird. Danach werden noch physiotherapeutische Behandlungsmaßnahmen durchgeführt, damit Helmut Schmidt seinen Daumen wieder wie gewohnt bewegen kann.
31.10.07 |




