Qualitätsmanagement in der Pflege
Erfassung der Neuentstehungsraten für Liegegeschwüre (Dekubitus)
Der große Unterschied zwischen „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“ und „Nur wer nichts weiß muss alles glauben!“
„Ein Dekubitus gehört zu den gravierenden Gesundheitsrisiken hilfe- und pflegebedürftiger Patienten/Betroffener. Angesichts des vorhandenen Wissens über die weitgehenden Möglichkeiten zur Verhinderung eines Dekubitus ist die Reduzierung auf ein Minimum anzustreben.“ [1] Dazu haben die Katholischen Kliniken Essen-Nord-West zwei Informationsbroschüren erarbeitet. Die Broschüren mit den Titeln "Dekubitus - ein drückendes Problem" und "Sitzen im Bett-Lagerung" können Sie sich an dieser Stelle herunterlagern oder kostenfrei unter der Tel. 0201 6400 1021 bei uns anfordern.
Vom TÜV Rheinland erhielten die Katholischen Kliniken Essen-Nord-West die Zertifizierung darüber, dass die "Qualifikation zur Wundexpertin/zum Wundexperten" der Richtlinie "Zertifizierung Pflegerischer Wundqualifizierungen" der Initiative Chronischer Wunden e.V. entspricht.
Sektorenübergreifende Inzidenzenerhebung
Im Jahr 2002 folgten Betriebsleitung und Geschäftsführung der Katholischen Kliniken Essen-Nord dem Vorschlag der Pflegedienstdirektion zur umfassenden Erhebung der Liegegeschwüre in den Bettenstationen beider Häuser. Die Pflegedienstdirektion hatte beschlossen, zur Vorbereitung der Umsetzung des nationalen Expertenstandards „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ sich an einer so genannten Inzidenzerhebung zu beteiligen um herauszufinden, wie stark die einzelnen Stationen vom Auftreten von Dekubitalulcera betroffen sind. Die Katholischen Kliniken Essen-Nord haben sich hierzu der Pflegeoffensive Duisburg angeschlossen, die eine Inzidenzerhebung sektorenübergreifend durchführt. Dabei werden Patienten und Bewohner aus 8 (9) Akutkrankenhäusern, 32 stationären Pflegeeinrichtungen und 2 ambulanten Pflegediensten erfasst und in ihren Ergebnissen ausgewertet. Die Erhebung wird als Maßnahme der externen Qualitätssicherung durch die Kliniken selbst finanziert und erfolgt auf freiwilliger Basis.
Seit dem IV. Quartal 2002 wurden in den Katholischen Kliniken Essen-Nord in 11 Perioden insgesamt 65.324 Patientinnen und Patienten mit einem kleinen Datensatz erhoben. Ausgenommen aus der Erhebung sind die Stationen der Frauenheilkunde, weil sich hier Dekubitalulcera unter regelhaften Bedingungen nicht oder nur sehr selten entwickeln. Die übrigen Stationen/Kliniken der Katholischen Kliniken Essen-Nord sind nach Auswertung der Zahlen mit der Problematik der Dekubitusversorgung und –neuentstehung während des stationären Aufenthaltes konfrontiert.
Hierzu noch einmal der Expertenstandard:
„In der Standard-Aussage und in Ergebniskriterium 7 wird die Verhinderung eines Dekubitus als zentrales Ziel formuliert, da der Entstehung eines Dekubitus in der Regel entgegengewirkt werden kann. Dennoch ist zu konstatieren, daß dieses Ziel nicht bei allen Personengruppen erreichbar ist. Einschränkungen bestehen für Personengruppen, bei denen die gesundheitliche Situation gegen eine konsequente Anwendung der erforderlichen prophylaktischen Maßnahmen spricht (z.B. bei lebensbedrohlichen Zuständen), eine andere Prioritätensetzung erfordert (Menschen in der Terminalphase ihres Lebens) oder eine Wirkung der prophylaktischen Maßnahmen verhindert (z.B. gravierende Störungen der Durchblutung, auch unter Einnahme zentralisierender Medikamente).“ [2]
Die Erhebung der Inzidenzdaten zum Dekubitus in den Kliniken als freiwillige externe Qualitätssicherung wurde zum Jahresende 2007 eingestellt. Beweggründe hierfür waren einerseits geübte Prozesse mit stabilen, geringen Inzidenzraten im Verlauf der Erhebung sowie die Einführung der verpflichtenden externen Qualitätssicherung zum Dekubitus (Generalindikator Dekubitus über die BQS), zum anderen Belastungsaspekte in der Belegschaft.
Eine Entscheidung zur Wiederaufnahme der freiwilligen externen Qualitätssicherung in diesem Feld ergeht frühestens nach Klärung des weiteren Verfahrens um den Generalindikator der BQS.
Die Werte der einzelnen Perioden im Überblick:
Qualitätsziel: Möglichst wenig Dekubitalulcera während des stationären Aufenthaltes
Grafik zum Verlauf der Inzidenzraten von POD und KKEN als pdf-Datei >>
1. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 16,38 | <5,13 | 15,33 | 0,96 | 6,80 | 11,80 |
POD | 21,52 | 5,02 | 17,26 | 0,95 | 7,60 | 13,20 |
IV. Quartal 2002 / n = 2.924 KKEN / n = 14.094 POD
2. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 19,37 | 4,10 | 18,94 | 0,76 | 7,20 | 14,00 |
POD | 22,17 | 3,88 | 21,33 | 0,82 | 7,70 | 14,50 |
I.-II. Quartal 2003 / n = 6.949 KKEN / n = 20.974 POD
3. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 30,95 | 3,71 | 18,72 | 0,70 | 6,70 | 14,10 |
POD | 26,54 | 3,94 | 19,58 | 0,86 | 7,30 | 13,40 |
II.-IV. Quartal 2003 / n = 6.327 KKEN / n = 20.340 POD
4. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 27,90 | 3,44 | 14,10 | 0,50 | 6,40 | 12,30 |
POD | 26,20 | 3,71 | 18,47 | 0,78 | 7,30 | 12,80 |
I.-II. Quartal 2004 / n = 5.586 KKEN / n = 20.356 POD
5. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 30,90 | 3,57 | 12,20 | 0,50 | 6,30 | 11,60 |
POD | 26,20 | 3,80 | 15,06 | 0,74 | 7,00 | 12,70 |
II.-III. Quartal 2004 / n = 5.990 KKEN / n = 19.534POD
6. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 30,20 | 4,00 | 16,20 | 0,70 | 6,20 | 11,90 |
POD | 25,50 | 3,50 | 18,70 | 0,80 | 7,10 | 13,20 |
I.-II. Quartal 2005 / n = 7.018 KKEN / n = 22.451 POD
7. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 30,60 | 4,00 | 14,70 | 0,96 | 6,20 | 11,10 |
POD | 26,50 | 3,70 | 17,70 | 0,80 | 7,10 | 13,00 |
III.-IV. Quartal 2005 / n = 6.341 KKEN / n = 21.259 POD
8. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 27,60 | 4,10 | 15,30 | 0,80 | 6,30 | 7,20 |
POD | 25,80 | 4,00 | 16,40 | 0,80 | 12,10 | 13,20 |
I.-II. Quartal 2006 / n = 6.369 KKEN / n = 22.054 POD
9. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 26,90 | 3,50 | 18,00 | 0,70 | 6,20 | 12,90 |
POD | 26,60 | 4,00 | 17,40 | 0,80 | 7,30 | 13,70 |
III.-IV. Quartal 2006 / n = 6.139 KKEN / n = 21.125 POD
10. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 26,30 | 3,70 | 10,40 | 0,62 | 6,40 | 11,80 |
POD | 24,20 | 3,60 | 13,60 | 0,79 | 7,20 | 13,50 |
I.-II. Quartal 2007 / n = 5.965 KKEN / n = 23.686 POD
11. Periode
Bereich | Risiko bei Aufnahme | Dekubitus b. Aufnahme | Davon Grad 3-4 | Dekubitus neu | VD ohne Dekubitus | VD mit |
KKEN | 25,60 | 3,70 | 13,10 | 0,50 | 6,20 | 10,30 |
POD | 24,30 | 3,50 | 13,80 | 0,60 | 7,10 | 13,10 |
III.-IV. Quartal 2007 / n = 5.716 KKEN / n = 26.185 POD
Was haben wir getan?
Ausgehend von der Übermittlung der Ergebnisse aus der 1. Periode wurden in den Katholischen Kliniken Essen-Nord folgende Maßnahmen ergriffen:
- Durchführung von Prävalenzerhebungen (Unterstützung durch die Firma Hill-Rom) in den Kliniken, um Prozess- und Ergebnisdaten aus der Pflege an gefährdeten Patienten und an Dekubituspatienten zu erhalten
- Darstellung der Gesamtergebnisse und der Ergebnisse der einzelnen Stationen bis in die Stationsteams hinein. Dabei wurden auch die Funktionsbereiche Zentraler Operationsdienst und Anästhesiepflege eingebunden und informiert
- Information der ärztlichen Klinikleiter über die Ergebnisse
- Beschaffung einer ausreichenden Zahl an Lagerungssystemen unterschiedlicher Wirkungsgrade. Ausstattung der Intensivstationen mit hochwertigen Weichlagerungsmatratzen als Basisversorgung
- Anpassung der Dokumentation in der Intensivpflege
- Testung und Beschaffung von OP-Tischauflagen, die zum einen operative Eingriffe technisch zulassen, andererseits das Risiko zur Entstehung von intraoperativen Druckschäden vermindern
- Einsetzung einer pflegerisch-ärztlich besetzten Arbeitsgruppe „Dekubitusmanagement“ im Rahmen des Qualitätsmanagements der KKEN. Erlass des Pflegestandards Dekubitusprophylaxe im Januar 2007
- Einsetzung einer pflegerisch-ärztliche besetzten Arbeitsgruppe "Wund-
management" im Rahmen des Qualitätsmanagement der KKENW.
Erlass eines klinikinternen Standards Wundbehandlung im März 2006 - Ausbildung von Wundexperten ICW (TÜV Rheinland Group Urkinde-Nr.:
381/11-0053-07 vom 06.06.2007) - Ausbildung/Heranbildung von Pflegeexperten aus den Arbeitsgruppen heraus. Bereitstellung von Praxisanleiterinnen für die Lösung konkreter, fallspezifischer Pflegeprobleme
- Evaluierung der Dokumentation in den Stationen durch die Pflegedienstleitungen anhand eines standardisierten Auswertungsbogens (Routine)
- Auswertung von Einzelinzidenzen bezogen auf bestimmte Krankheitsbilder bzw. therapeutische Verfahren gemeinsam mit dem Medizincontrolling (z.B. TEP, Ostheosynthesen bei Schenkelhalsfraktur, Kniegelenksersatz)
Kontakt:
Jürgen Lehmann
Pflegedienstdirektor
0201 / 6400 3500
j.lehmann
kkenw.de
[1] Deutsches Netzwerk für Qualitätssicherung in der Pflege; Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege; Osnabrück, August 2000, S. 9, Begründung zum Expertenstandard.
[2] Deutsches Netzwerk für Qualitätssicherung in der Pflege; a.a.O.; S. 7




